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The final text will contain several triggers and adult content, I advise not to sniff around.
Die Gliederung dient nur der Übersicht in der Sandbox und wird später entfernt.
Braun markierte Textstellen dienen dem flüssigen Schreiben in einer bestimmten Stimmung und werden bei Bedarf später entschärft.
Blau markierte Textstellen sind die entschärfte Version.
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Kapitel 5
Abschnitt 1 (Johan)
Was zum Teufel hatte er sich dabei gedacht? Was für ein Creep war er, dass er eine Frau, die er kaum kannte, festgehalten und ihr an den Haaren gerochen hatte? Er war heilfroh, dass es wohl niemand gesehen hatte, aber es war ihm so peinlich, dass es ihm Schlafprobleme bereitete. Und aus irgendeinem Grund lief sie ihm nun dauernd über den Weg! Oder war sie ihm vorher nie aufgefallen? Nicht, dass er sie nicht attraktiv gefunden hätte, aber irgendwie hatte er ja nie einen guten Draht zu Frauen gehabt; und Singh, die dumme Fotze, machte es nicht besser, wenn sie ständig auf ihm herumhackte. Und Sand nervte ihn ohnehin nur. Loewen war immer nett zu ihm gewesen, die wenigen Male, die sie geredet hatten. Jetzt schaute sie weg oder bog bei der ersten Gelegenheit ab, wenn sie ihm über den Weg lief - zumindest schien es ihm so.
Er schaute auf sein Handy. 1:34. Verdammt, er musste schlafen, wenn er morgen wieder aussah als hätte er „auf dem Gang gepennt” würde Singh ihn den ganzen Tag piesacken. Er schaltete seine Nachttischlampe an, stand auf und ging quer durch sein kleines Quartier zu seinem persönlichen Schließfach. Immerhin hatte er als MTF-Angehöriger ein Einzelzimmer, auch wenn die Quartiermodule kleiner waren als so manche Eindämmungszelle. Sein Schließfach war wie immer fast leer. Seine zivile Brieftasche und seine zivilen Schlüssel waren dort, ein USB Stick mit privaten Daten, eine Packung Kondome, bei deren Anblick er sich jedes Mal fragte, warum er gedacht hatte er würde die überhaupt brauchen, eine Flasche billiger Whiskey und ein Pinnchen aus Blech, welches er mal wieder ausspülen sollte. Eigentlich war es verboten, aber es schien sich niemand dafür zu interessieren, wenn jemand sich besoff um zu schlafen. Er nahm an das war ohnehin Gang und Gäbe. Sand würde ihm sicher Schlaftabletten verschreiben, wenn er danach fragen würde, aber dann würde sie nachbohren und er hasste es, wenn jemand versuchte in seiner Psyche nach seinen Geheimnissen zu wühlen. Er goss sich ein und stürzte zwei Pinnchen Whiskey hinunter. Beim nächsten Mal würde er Rum nehmen, der war weicher. Egal, das warme Gefühl in seiner Kehle stimmte ihn zuversichtlich, dass er jetzt würde schlafen können.
Er legte sich wieder ins Bett und schaute an die Decke, beziehungsweise dorthin, wo die Decke sein musste. Es war hier unter der Erde so finster, dass er anfing Muster zu sehen, wenn er die Augen offenhielt. Kaum hatte er die Augen geschlossen sah er sie wieder vor seinem inneren Auge. Er vertraute darauf, dass der Whiskey ihn gleich schlafen schicken würde, also entspannte er sich und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Der Geruch von Frauen hatte ihn immer schon mehr erregt als ihr Äußeres oder wie sie sich anfühlten. Zwar hasste er sich für das, was er getan hatte, aber hier in dieser absoluten Dunkelheit war niemand, der ihn verurteilen konnte, außer ihm selbst. Er liebte diese Dunkelheit und hatte extra sichergestellt, dass keine LED oder ein Lichtschein, der durch Ritzen der Tür kommen würde, ihn stören konnte. Hier war er ganz allein und sicher. Sicher vor Singh. Sicher vor den hämischen Sprüchen seiner Kollegen… sicher davor, Loewen zu begegnen. Also genoss er es, die Erinnerung noch einmal zu durchleben.
Er erinnerte sich, wie er sie nach dem Zwischenfall fand. Sie war ganz panisch. Wie sie da auf dem Boden hockte und ihre Hände ausstreckte, als er sie hochhob, und er sie mit der Kraft, die ihm das Adrenalin in seinem Blut gab, über seine Schultern legte. Wie sie ihn ansah, als er sie aufhob. Die Erleichterung in ihrem Gesicht, die Freude ihn zu sehen. Aus irgendeinem Grund schien ihm das erst in seinen Erinnerungen aufgefallen zu sein. Oder bildete er sich das ein? Er erinnerte sich, wie er sie im Laufschritt zu einer Sammelzone trug. Sie ächzte und quiekte, es war vermutlich schmerzhaft so wie sie auf seinem Rücken hing. Er erinnerte sich wie sie sich an seiner Seite abstützte und zappelte. Er spürte ihre Wärme, roch ihre Kleidung und ihren Körper. Spürte ihr Becken in seinem Nacken. Er erinnerte sich, wie diese Sammelzone völlig leer aber intakt und dem Display zufolge sicher war. Er wollte sie gerade herunterlassen, als er innehielt und seine Gedanken rasten. Sie waren ganz allein hier. Er hatte die Kontrolle. Er war stärker. Sie war verletzt. Sie war schwächer als er. Er sog durch die Nase ihren Geruch ein, welcher in Kombination mit dem Gefühl der Überlegenheit irgendetwas in ihm erweckte. Sie ächzte vor Schmerz auf seinen Schultern, aber da er stehen geblieben war, hörte sie auf zu zappeln und versuchte, sich an ihm abzustützen. Er ließ sie langsam herunter und stellte sie vor sich ab. Sie bedankte sich, drehte sich um und versuchte zu einem Stuhl zu humpeln. Ein Drang überkam ihn. Das Gefühl von Kontrolle und ihr Geruch wirbelten in seinem Geist und weigerten sich, losgelassen zu werden! Er wusste gar nicht wie ihm geschah, als er einen Schritt nach vorne machte, sie an den Unterarmen packte und zu sich zog. Ihr entfloh ein leiser Aufschrei. Er spürte ihre Körperwärme, die durch ihre dünne Kleidung abgestrahlt wurde und sich den Weg durch seine Einsatzkleidung bahnte. Er beugte sich vor und sog den Duft ein, der von ihren Haaren aufstieg. Sie roch nach Mandel-Shampoo, Angst, Schweiß, Stress und nach Frau. Er wusste, wie es weiterging. Es hatte nur wenige Sekunden gedauert bis sein Verstand die Kontrolle zurückerlangte, er sie losließ und eine Entschuldigung murmelnd das Weite suchte. Aber er blieb bei der Erinnerung an den Geruch und das Gefühl, dass er dabeigehabt hatte und genoss die Erinnerung in der Einsamkeit seines Zimmers bis ihn der Schlaf ereilte und er sich am Morgen wieder abgrundtief schämen würde.
Abschnitt 2 (Sarah)
Was zum Teufel hatte sie sich dabei gedacht? Was für eine naive Kuh war sie gewesen, dass sie diesen Terroristen vertraut hatte, die sich „Künstler” nannten? Ihretwegen waren Menschen gestorben! Ihre Kollegen litten, weil sie dachte, sie wüsste es besser. Einer schwebte immer noch in Lebensgefahr. Zwei verloren Gliedmaßen. Sie zitterte, als sie die Schlaftablette nahm. Dr. Sand hatte sie ihr kurzerhand verschrieben, als sie nach einer schlaflosen Nacht ausgesehen hatte, als hätte sie „auf dem Gang geschlafen”, wie Singh immer witzelte, wann immer jemand müde aussah. Sand hatte keine Fragen gestellt, ihr aber geraten einen Termin bei ihr zu machen. Sie würde darüber nachdenken, wenn die Tabletten alle waren.
Sie humpelte aus dem Bad ihrer kleinen Wohnung im vierten Stock eines Mehrparteienhauses, welches zu mieten von der Foundation bezuschusst wurde, da sie dafür kein Quartier am Standort belegte. Das hätte sie auch gar nicht gekonnt. Die erste Nacht unter der Erde damals hatte ihr gereicht. Sie hatte kein Problem im Dunkeln, aber die perfekte Dunkelheit dort unten machte ihr zu schaffen. Sie schaute auf die Uhr. 1:34. Es wurde jetzt wirklich Zeit für sie zu schlafen. Sie ging in ihr viel zu kleines Schlafzimmer und wunderte sich erneut, warum sie ein Doppelbett in dieses winzige Zimmer gestopft und extra sichergestellt hatte, dass es nicht quietschte wie in der Wohnung davor. In ihrem jetzigen Zustand hatte sie ohnehin keinen Nerv für eine Beziehung und ihr Arbeitspensum machte es ihr unmöglich, in ihrer Freizeit jemanden kennen zu lernen. Alle Kollegen, die sie interessant fand, waren entweder vergeben oder Wunderlinge wie dieser Fray, der sie erst gerettet und dann wie ein Psycho an ihr gerochen hatte. Wann immer sie ihm jetzt über den Weg lief, starrte er sie an als hätte er noch nie eine Frau gesehen. Wäre es anders gekommen, hätte sie ihn vielleicht mal nach einem Date gefragt, attraktiv fand sie ihn ja; und er war der einzige Mann am Standort von dem nie ein idiotischer Spruch irgendeiner Art kam. Zwar war sie eigentlich nie Ziel von deren Witzeleien, aber genervt war sie davon trotzdem. Vielleicht war er ja nur noch genauso durch den Wind wie sie. Sie zog sich aus und den Pyjama an und legte die Schiene an ihrem Fuß ab. Sie hatte sich ordentlich den Knöchel verstaucht und eigentlich sollte sie die Schiene auch nachts anlassen, aber es störte sie, da die Schiene ihren Fuß unangenehm zur Seite drehte und es darunter juckte.
Sie legte sich hin und starrte an die Decke. Ihr Fuß kribbelte und der Knöchel pochte. Von der Straße schien der schwache Wiederschein der Straßenbeleuchtung durch ihre Vorhänge und zeichnete ein Abbild der Fensterfläche an ihre Decke. Es regnete leicht und sie konnte die Schatten der Tropfen, die ihr Fenster herunterliefen, an der Decke sehen. Sie musste daran denken sich Jalousien zu besorgen. Sie hasste das Gefühl, dass jemand hereinschauen konnte - auch wenn das unmöglich war, weil auf der anderen Straßenseite nur Bäume waren. Sie lächelte kurz bei dem Gedanken wie absurd es wäre, wenn tatsächlich jemand vor ihrem Fenster herumflog und in ihr Schlafzimmer glotzte. Dann überkam sie ein überwältigendes Gefühl des Beobachtetwerdens.
Mit einem Schlag waren ihre Gedanken wieder bei jenem Vorfall, der ihr Leben aus den Fugen gebracht hatte. Was, wenn es jemand herausfand? Menschen waren gestorben, man würde sie nicht einfach rauswerfen. Sie würden sie umbringen, da war sie sich sicher. Und sie würde es verdient haben. Sie war schuld! Sie musste aufhören, sich zu verstecken, sie musste dazu stehen und ihre Strafe entgegennehmen! Reiß dich zusammen, Herrgott nochmal! War sie wirklich schuld? Diese Terroristen hatten sie manipuliert. Die waren es, die diese Anomalie losgelassen hatten. Die waren es, die den Tod und das Leid ihrer Kollegen verursacht hatten. Sie selbst hätte denen leicht zum Opfer fallen können; drei Minuten waren viel zu wenig, um den Standort zu verlassen. Scheiße. Die Pisser hatten ihren Tod eingeplant! Sie war denen von Anfang an egal gewesen. Sie war nur ein Werkzeug, eins, das dumm genug war einer berüchtigten Interessengruppe auf den Leim zu gehen, weil ihre Neugier sie nicht loslassen wollte. Verdammt nochmal, warum? Es war zum Haare raufen, ihre Blödheit hatte Menschen das Leben gekostet. Ja, eine Schuld trug sie definitiv. Und ihre armen Kollegen. Sie kannte die meisten nicht; kamen aus einer anderen Abteilung, wo die räumlichen Gegebenheiten zu besonders starken Effekten geführt hatten. Aber Einen, der ein Bein verloren hatte, kannte sie; und einige der leichter Verletzten. Sie drehte sich zur Seite und eine Träne lief aus ihrem Auge. Sie wusste nicht, ob aus Wut, Scham oder Mitgefühl. Sie konnte das nicht wieder geraderücken. Sie hatte verkackt. Aber in der Foundation wurden ständig Fehler gemacht, die anderen das Leben kosteten. Natürlich war das mega Scheiße, aber die Foundation sollte sich nicht anstellen, bei den menschenverachtenden Anwandlungen die sie manchmal hatte. Erst starben zig Menschen, dann wurde alles vertuscht, und irgendwer bekam von O4-4 den Arsch bis zum Stehkragen aufgerissen, und hinterher taten alle, die nicht amnesiziert worden waren so, als sei nichts gewesen. Sie war nur ein kleines Licht gegen manch andere. Aber das hieß nicht, dass sie sich ausruhen durfte. Sie hatte nun Blut an ihren Händen, weil sie dumm gewesen war. Dafür hasste sie sich. Sie musste ihre Hände reinwaschen. Nicht vor der Foundation, sie musste einfach nur die Klappe halten und so tun, als wäre sie einfach eine der vielen leicht Verletzten. Sondern vor sich selber. Ihre Gedanken verloren sich langsam, als die Tabletten Wirkung zeigten. Sie verlor den Faden und schweifte zu Erinnerungen ab. Zu den Schreien der Verwundeten und Sterbenden, die durch die Gänge hallten. Zu der Panik, als sie von der Anomalie getroffen wurde, stürzte und nicht mehr hochkam. Mit der wohligen Erinnerung, wie Fray sie fand und davontrug, schlief sie trotz allem friedlich ein, um sich am nächsten Morgen wieder für ihre Dummheit in Grund und Boden zu schämen.
Abschnitt 3 (Johan)
Wie immer die letzten Tage erwachte er mit einem Mordsdurst, angemüdet und ihm war leicht schwummerig. Als er sich gewaschen und angezogen hatte und in die Kantine marschierte wichen die Nachwirkungen des Whiskeys der Niedergeschlagenheit die in den letzten Tagen immer stärker wurde, und der Scham. Er hatte gehofft er würde weder Loewen noch Singh begegnen, und beides wurde zunichte gemacht als er die Kantine betrat.
„Ja Mensch, Fray, aus dem Bett gefallen?” grinste ihn Singh an und gebot mit einem Wink, dass er sich zum Rest des MTF setzen würde, wenn er sein Tablett mit Frühstück beladen hatte. Er wusste, dass Singh nur Spaß machte. Sie alle machten nur Spaß, sie machten das ständig untereinander, das half der Gruppendynamik und baute Stress ab, bla bla. Aber er hasste es. Er hasste es so sehr! Wenn er nur nicht so feige gegenüber Singh wäre! Er war ihr rein von der Kraft her überlegen. Er war auch kein schlechter Nahkämpfer. Verdammt nochmal, er war ein guter Nahkämpfer, ein guter Schütze und nicht umsonst mehrfach ausgezeichnet, und dabei war das nicht mal seine einzige Profession! Er war nur so ein beschissener Feigling, wenn es um Frauen ging! Warum konnte Singh nicht einfach nen Schwanz zwischen den Beinen haben ein Mann sein, dann würde er sie dermaßen vermöbeln! Johan du bist so ein Weichei! Du nimmst das schwerer als es ist! Ja, sie piesackte ihn, aber sie piesackte auch alle anderen, er war keine Ausnahme, er ließ es nur mit sich machen und gab keine Widerworte. Er war halt nicht gut mit Worten, und ihre Gemeinheiten, nein ihre dummen Kommentare, trafen ihn härter als andere.
Während er sich über sich selbst ärgerte und mit einem Tablett an die Essensausgabe stellte, bemerkte er plötzlich wer neben ihm stand. Er schaute nach links und dort stand Loewen und lud sich Aufschnitt auf ihren Teller. Er hatte sie gar nicht bemerkt als er sich über sich selbst ärgernd angestellt hatte. Sein Körper wurde steif und er starrte auf sein Tablett. Hoffentlich bemerkte sie ihn nicht, und wenn sie ihn bemerken sollte, würde sie hoffentlich…
„Ach, guten Morgen Herr Fray.”
Ein Klos bildete sich in seinem Hals und sein Kopf war plötzlich komplett leer. Er schaute für eine Sekunde auf und sah in ihr lächelndes Gesicht, ehe seine Augen wieder das Tablett fixierten.
„Mhm, Morgen…”
Antwortete er leise und versuchte sich zu retten indem er in den Brötchenkorb griff. Er konnte nicht sehen wie sie reagierte, sie ging jedenfalls zum nächsten Tresen und begann in den Teesorten zu stöbern. Verdammt, warum hatte er sie nicht gesehen, warum…
Mandeln. Ein Mandelduft strömte in seine Nase als er zum Aufschnitt weitergerückt war, wo Loewen vorher gestanden hatte. Er sah zu ihr herüber als sie mit dem Rücken zu ihm stehend gerade heißes Wasser in ihren Becher goss. Bei dem Geruch und ihrem Anblick spürte er ein komisches Gefühl in seiner Brust, das er nicht einordnen konnte. Es löste jedenfalls seine Anspannung und er lud sich Aufschnitt und ein Marmeladenpäckchen auf den Teller. Als er zu dem Getränketresen hinüberging um sich einen Kaffee zu holen, saß Loewen schon am Tisch ihrer Kollegen.
Er stiefelte zum Tisch seiner MTF und setzte sich.
„Oho, hast wohl ein Auge auf die Loewen geworfen was?” fragte Sturm; offenbar war die peinliche Situation niemandem entgangen und Johan verkrampfte sich wieder. Er mochte Sturm, aber solche Kommentare brauchte er jetzt nicht.
„Soll ich sie mal für dich nach nem Date fragen?” lachte Sturm.
„Als wüsstest du wie man jemanden nach nem Date fragt.” unterbrach Peterson kichernd.
Dr. Sand die sich mit am Tisch gesetzt hatte um mit Dr. Faust zu sprechen, schaute Sturm dermaßen missmutig an, dass dieser wohl erkannte, dass sein Witz in die Hose gegangen war und nichts mehr hinzufügte. Johan wusste, dass er Sand vertrauen konnte, und dass sie auf seiner Seite war, wenn man das so nennen wollte. Sie sagte zwar nichts dergleichen, aber er war sich sicher, dass sie wusste, dass er unter den Kommentaren seiner Kollegen litt, auch wenn ihm klar war, dass das alles nur harmlose Späße waren und ihm niemand etwas Böses wollte. Er hatte Neckereien noch nie gut aufgenommen. Aber er konnte sich ihr nicht vollkommen anvertrauen. Er wünschte er könnte sich das alles einfach von der Seele reden, aber jedes Mal wenn sie ihn in ihr Büro zitierte bekam er das Maul nicht auf und auch wenn sie nicht viel sagte oder fragte, fühlte er sich wie ein Nackter der mit einer Lupe von oben bis unten inspiziert wird, wenn er einen Termin mit ihr hatte.
Später ertappte er sich ständig dabei wie er an Loewen dachte. An ihren Geruch, die Wärme die ihr Körper verströmt hatte, an ihre Figur, ihr Lächeln, ihre Stimme. Er versuchte das zu verdrängen, was ihm mehr schlecht als recht gelang. Was war jetzt schon wieder mit ihm los? Hatte es nicht gereicht das er sich wie ein Psychopath benommen und an ihren beschissenen Haaren gerochen hatte wie ein irrer Serienmörder aus nem schlechten Horrorfilm? Zumindest lenkten seine verworrenen Gedanken ihn von seiner Scheu vor Singh ab, der er heute einen derart harten rechten Haken mitten ins Gesicht verpasste, das sie stürzte und laut fluchend und blutüberströmt von Dr. Faust zum Krankenflügel geleitet wurde. Kaum war sie draußen brach Sturm in schallendes Gelächter aus und schlug ihm beglückwünschend auf die Schulter sodass er fast umgeworfen wurde und Peterson meinte kichernd:
„Na der hast dus aber gezeigt, ich wäre jetzt vorsichtig an deiner Stelle.”
So ähnlich ging es auch die nächsten Tage. Er musste immer wieder an Loewen denken und Singh hatte es deutlich schwerer gegen ihn, und ließ ihn das freie Training mit Sturm machen, um sich stattdessen Austin vorzunehmen, die zwar genauso gut wie Singh, ihr aber von der Kraft her unterlegen war.
„Mann, was ist los mit dir? Du bist wirklich verknallt, oder?” fragte Sturm ihn einmal als er diesen in einen Hebelgriff genommen hatte, aus dem der Riese sich trotz seiner Kraft nicht befreien konnte.
„Nein Mann!” Er ließ ihn los. Ja. Ja vielleicht war er verknallt. Er hatte keine Ahnung was das war. Er hatte sich schon häufiger zu einer Frau hingezogen gefühlt. Aber dass eine Frau wie Loewen ihn dermaßen fesselte und er sie nicht aus dem Kopf bekam, das war ungewöhnlich. Wenn er ehrlich mit sich war, hatte er sich zu allen Frauen die ihn umgaben ein wenig hingezogen gefühlt, sogar zu Singh. Bis er sie besser kennen lernte. Jedes Mal, wenn er zum Beispiel Austins hübsches Gesicht sah empfand er nichts als Abneigung, auch wenn er anfangs darüber nachgedacht hatte ob sie nicht doch was für ihn sei. Aber vor allem mochte er Austins Geruch nicht. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber in Situationen wie Nahkampftraining oder wenn Singh sie beide als Schütze und Beobachter in ein Scharfschützenloch schickte, in dem sie für Stunden fast aufeinander lagen, empfand er ihren Geruch als unangenehm und die Wärme die sie ausstrahlte fühlte sich schwül an.
Irgendwann hörte er auf dagegen anzukämpfen. Er ließ es einfach zu. Wenn er ihr jetzt auf einem Gang begegnete lächelte er, und bemerkte, dass sie ihn scheinbar nicht mehr mied. Oder hatte sie ihn nie gemieden und er hatte sich das eingebildet? Was war da los? Hatte es ihr gefallen das er an ihr gerochen hatte? War er gar kein Psycho? Oder war es ihr egal? Nein, er war ein Psycho. Kein normaler Mensch hätte das gemacht. Was mit ihr war, keine Ahnung. Es war ohnehin egal. Obwohl er an die Frauen in seinem MTF gewöhnt war, hatte er Schwierigkeiten mit ihnen allein zu reden. Nicht etwa, weil er sich nicht trauen würde mit einer Frau zu reden, so ein Unsinn. Er wusste einfach nicht was er sagen sollte und wie er ein Gespräch länger in Gang halten sollte, also machte er irgendwann meist dumme Witze und ärgerte sich dann darüber, wenn die Unterhaltung beendet war. Auch war das kein Problem für ihn, wenn das MTF zusammen war, und vor allem wenn Sturm da war. Und dass er mit Austin zum Beispiel nur redete, wenn es nötig war, und die es offenbar ebenso hielt, hatte eher was mit Sympathie, oder vielmehr deren Abwesenheit zu tun, andernfalls hätten sie nicht einmal eng aneinander gedrängt acht Stunden in einer Beobachtungsstellung gelegen, ohne ein Wort zu sagen. Als er einmal mit Angelika Lichtenfeld bei einer allgemeinen Alarmübung für eine halbe Stunde einen Posten bemannt hatte, hatte er tatsächlich das Gefühl gehabt sie würde mit ihm flirten, aber davon hatte er keine Ahnung und er sah sie auch kaum.
Er hatte Feierabend und schaffte es eine der komplett geschlossenen Duschkabinen zu ergattern, in denen man mehr Privatsphäre und seine Ruhe hatte, was er den halb offenen Duschen vorzog, zumal er keine Lust hatte mit Sturm und Kabhu die Gruppendusche zu nehmen; beide neigten dabei zu Blödeleien die er überhaupt nicht mochte, wie Sturm, der manchmal anfing lauthals zu singen. Auch während er duschte bekam er Sarah Loewen nicht aus dem Kopf. Wenn er die Augen schloss sah er sie vor sich, wie sie ihn anlächelte, wie in der Kantine vor ein paar Tagen. In seinen Gedanken roch er ihren Geruch, spürte im warmen Wasser ihre Körperwärme. Die Erinnerungen an Sarah und ihren Geruch erregten ihn. Er stellte sich vor wie sie hier mit ihm duschen würde. Ach scheiß drauf, machen eh alle. Er setzte sich in der Duschkabine hin und begann zu onanieren. Eine Mischung aus Wunschtraum und Erinnerung raste durch sein Gehirn. Wie er sie festhielt und an sich zog. Die einzelnen Teile des Geruchs ihrer Haare. Der Geruch der ihrem Schritt entströmt war als er sie auf den Schultern trug. Er stellte sich vor wie sie bei ihm war, wie sie jetzt hier auf ihm saß. Wie ihr Körper eine angenehme Hitze abstrahlen, und wie sie dann riechen würde, nach Shampoo, Frau, und Sex.
Als er fertig war, war er entspannter als sonst, wenn er sich einen runtergeholt hatte. Er dachte immer noch an sie, aber er war nicht mehr verkrampft und musste lächeln als er sich abtrocknete und wieder anzog. ging direkt auf sein Zimmer. Er musste eigentlich duschen, aber er hatte gerade überhaupt keine Lust mit Sturm und Kabhu die Gruppendusche zu nehmen, und die geschlossenen Duschkabinen waren um diese Zeit meistens belegt. Beide neigten dabei zu Blödeleien die er überhaupt nicht mochte, wie Sturm, der manchmal anfing lauthals zu singen. Er hatte keine Lust seine Freizeitkleidung anzuziehen, und legte sich wie er war aufs Bett, legte die Hände hinter den Kopf und starrte an die Decke. Dort war eine kleine Delle in der weißen Deckenkassette aus Blech, auch wenn er keine Ahnung hatte wo die herkam. Er lag häufig so da und tagträumte, wenn er keine Lust hatte nach Feierabend mit seinen Kollegen im Sozialraum zusammenzusitzen, am Computer zu spielen oder draußen spazieren zu gehen. Er fand es entspannend und es war eine gute Methode um die Ereignisse des Tages zu rekapitulieren und darüber nachzudenken. Das ersparte ihm häufig, dass er darüber nachdachte, wenn er eigentlich schlafen wollte. Nur seit dem Vorfall mit Sarah Loewen klappte das nicht mehr so gut.
Sarah Loewen. Seine Gedanken wanderten von dem nackten singenden Sturm hin zu ihr. Was war es nur, das ihn so an ihr fesselte? Er dachte über sie nach, und darüber was es wohl sein könnte das ihn faszinierte. Ihr Aussehen? Sie war zweifelsohne hübsch, und hatte diesen leicht unkonventionellen, nerdigen Kleidungsstil der wie ein heller Farbklecks in diesem monotonen Wust an Uniformen, weißen Laborkitteln, Jeans-und-blaues-Oberhemd-Kombos und den Overalls des technischen Personals und der D-Klassen wirkte. Oder ihr Lächeln? Austin lächelte gefühlt nie wenn er etwas sagte, und Lichtenfeld lächelte fast immer. Loewens Lächeln war bezaubernd, aber der Eindruck mochte von seinen Gefühlen vorgetäuscht sein. War es ihr Geruch? Zweifelsohne hatte sie einen für ihn sehr angenehmen ureigenen Körpergeruch. Das hatte er schon allein als er sie borg und wie ein Gestörter an ihr roch gemerkt. Verdammt, warum warst du so ein Idiot, Johan. Er verscheuchte die Zweifel. War es das was ihn so faszinierte? Das er besser riechen konnte als Andere wussten zumindest seine Eltern schon seit er in den Kindergarten ging. Ihm wurde das erst ab der Pubertät klar als er das erste Mal eine Menstruation bei einer Mitschülerin roch plötzlich alle anfingen anders zu riechen. Er musste in der Nähe einer Person sein um sie wirklich zu riechen, aber das war an der Schule häufiger vorgekommen, schließlich hatten Mädchen wie Jungen ihn zu verschiedenen Gelegenheiten verprügelt, weil er anders war. Er versuchte sich wieder auf Loewen zu konzentrieren und die schmerzvolle Vergangenheit ruhen zu lassen. Nein, es war nicht der Geruch allein. Auch nicht ihr Aussehen, oder die Kombination aus Beiden. Es war die Kontrolle die er über die Situation gehabt hatte. Er hatte sie in ihrer Gewalt gehabt. Anders als Austin oder Singh beim Training konnte sie ihn nicht überwältigen. War es das? Dass sie sich nicht wehren konnte? Johan du verdammtes Arschloch! War… war es wirklich das? Nein. Sie hätte sich wehren können, er hatte nicht fest zugepackt und sie beherrschte gewiss irgendeine Nahkampftechnik wie so Viele in der Foundation. Eine Sekunde länger und sie hätte ihm bestimmt die Arme gebrochen. Oder nicht? Ach was, das war doch egal, er war doch… also er würde nicht… Reiß dich zusammen, du Idiot! Er seufzte. Was war das denn für ein gruseliger Gedanke gewesen der sich da angebahnt hatte. Das würde er nie tun. Nie! Und ohnehin, er würde sie sowieso nicht bekommen, er war viel zu schüchtern und er nahm an dass Frauen Männer sowieso nicht nach einem Date fragen würden. Aber sie, die Sarah Loewen die er in seinem Kopf hatte, die würde ihm immer bleiben. Die würde ihn nie abweisen, nie nein sagen, sich nie wehren, die gehörte ihm, die war sein!
Abschnitt 4 (Sarah)
Ok, dann nicht. dachte Sarah, als Fray sie mit einer gemurmelten Begrüßung abfertigte und sich dann auf den Brötchenkorb konzentrierte, als wäre seine volle Aufmerksamkeit von Nöten, um sich dort zu bedienen. Sie ging weiter zu den Getränken und kramte im Teeregal. Die Foundation ließ sich nicht lumpen, wenn es um das leibliche Wohl ging. Kalorien- und Nährwertangaben auf jeder Auslage, laktosefreie, vegetarische und vegane Produkte waren verfügbar, und Mitarbeiter mit Zöliakie konnten glutenfreie Speisen bekommen, und es gab bei Bedarf sogar eine Diät für Mitarbeiter mit Histaminintoleranz. Hier gab es Kaffee in fünf Stufen von koffeinfrei über mild, mittel, stark bis "Doktors Extra", über den man witzelte es sei Methamphetamin beigemischt. Sie wählte jedoch aus den 18 verfügbaren Sorten einen Orange-Minze Tee aus, und als sie heißes Wasser aufgoss, hatte sie Fray schon wieder vergessen. Ihr spukten ganz andere Dinge im Kopf herum, das Koffein von Kaffee hätte sie jetzt nicht brauchen können, auch wenn sie Kaffee am Morgen lieber mochte. Was wenn es jemand herausfand? Are we cool yet hinterließ normalerweise keine Spuren, aber was, wenn doch? Bisher war die offizielle Aussage, dass man den Ursprung nicht eingrenzen konnte, und von einer "anomalen Kunst-Bombe" ausging, die irgendwie ihren Weg in den Standort gefunden hätte. Aber was, wenn das Ablenkung war? Was wenn die KI KIRA irgendwie die Spur hierher zurückverfolgen würde? Nervös setzte sie sich an den Tisch zu einigen Kollegen, und versuchte sich nichts anmerken zu lassen während sie ihren noch viel zu heißen Tee schlürfte und sich Oberlippe und Zunge verbrühte. Sie schob ihre Sorgen beiseite. Das war doch idiotisch. Sie würde es ohnehin nicht ändern können, wenn es Spuren gab. Sie hatte ihren Browserverlauf gelöscht und das integrierte Bereinigungstool der Foundation ausgeführt, mehr konnte sie nicht tun. Diese blöde KI fing sonst Hacker und digitale Anomalien. Wenn es eine Spur gab, hätte man sie vermutlich schon entdeckt, verhört, und amnesiziert oder erschossen. Zwar verschwand ihre Nervosität nicht ganz, aber den Geschmack der Kombination von Rosinenbrötchen mit Gouda zu genießen, war erstmal wichtiger.
Zwar konnte sie sich mit der Einschätzung, dass, würde man ihr auf die Schliche kommen, sie bereits tot wäre oder sich an nichts würde erinnern können, tagsüber beruhigen und ihre Arbeit normal verrichten, aber ganz fort war ihre Sorge nicht. Vor allem wenn sie zuhause war, wuchs die Angst. Sie hatte inzwischen an allen Fenstern Jalousien angebracht, die sie auch zum Schlafen geschlossen hielt, dann fühlte sie sich sicherer. Es war eigentlich komplett bescheuert, keine Jalousie der Welt würde ein MTF aufhalten, und man würde sie ohnehin bei der Arbeit festnehmen, nicht in ihrer Wohnung. Dennoch fühlte sie sich hier unsicherer als an Standort-DE38. Vermutlich lag das daran, dass sie hier alleine war. Sie bemerkte, dass bereits leise Geräusche sie aufschrecken ließen. Du bist schuld, du bist schuld! Zu der Sorge entdeckt zu werden, kam die furchtbare Schmach die sie fühlte. Die Schmach, dass sie den Tod und die Schmerzen ihrer Kollegen mitzuverantworten hatte. Sollte sie sich stellen? Vielleicht würde man sie einfach amnesizieren und versetzen, alles kein Problem. Aber was, wenn nicht? Verräterin! Das stimmte. Sie hatte die Foundation und ihre Kollegen verraten. Und die Foundation war nicht für ihr rücksichtsvolles Vorgehen bei Verrat bekannt. Nein, die würden sie einfach umbringen, oder in einen orangenen Overall stecken und Experimente an ihr durchführen. Sie durfte sich nicht erwischen lassen, so sehr das Schicksal ihrer Kollegen ihr auch das Herz brauch.
Es waren inzwischen sechs Wochen vergangen, und man war ihr noch immer nicht auf die Schliche gekommen. Aber heute war eines der Opfer, eines ihrer Opfer verstorben. Sie stand zuhause unter der Dusche und ließ warmes Wasser über ihren Kopf rieseln, während sie nicht aufhören konnte daran zu denken. Er war tot. Einfach so. Er war ein Mitarbeiter der Standortverwaltung gewesen, Klasse A, und hatte nie mit Anomalien zu tun gehabt. Bis zu dem Tag als sie indirekt den Ausbruch eine Anomalie zu verantworten hatte, die ihm einen Arm abriss, und die schweren inneren Verletzungen zufügte, die erst zu Koma und jetzt zu seinem Tod geführt hatten. Ohne dich wäre er noch am Leben! Du dumme Hure! Verräterin! Ohne dich wären sie alle noch am Leben! Ohne dich wären sie alle unversehrt! Sie kämpfte gegen die Gedanken an, und versuchte Tränen zurückzuhalten. Warum nur? Warum? Warum war sie so blöd gewesen? Sie biss die Zähne zusammen und versuchte sich zu waschen anstatt unter der Dusche zu flennen. Aber die Gedanken wollten nicht aus ihrem Bewusstsein verschwinden. Sie versuchte mit sich selbst zu argumentieren. Sie hatte ja eigentlich nichts weiter getan, außer sich mit ihnen zu treffen. Sie hatte keine Ports geöffnet, keine Software ausgeführt, keinen Link angeklickt. Sie war genauso Opfer. Die hatten versucht auch sie umzubringen! Ausreden! Du bist schuld! Die Gedanken gingen einfach nicht weg. Sie wusch sich schnell und voller Hass, und vermied es in den Spiegel zu schauen. Sie wollte sich nicht sehen, nach dem was sie getan hatte. Sie wollte die Person die ihren Kollegen, die ihr das alles angetan hatte nicht sehen. Sie war das Opfer ihres vergangenen idiotischen Selbst. Wegen ihrer vergangenen Fehler musste sie sich jetzt verstecken. Ihretwegen hatte sie ständig Angst erwischt zu werden, ihretwegen verfolgte sie nun eine finstere Wolke düsterer Gedanken.
Es fiel ihr nun merklich schwerer ruhig zu bleiben. Der Tod des… sie kannte noch nicht einmal seinen Namen. Sein Tod hatte ihr ihre Schuld wieder ins Bewusstsein gerufen. Was wenn sie erwischt würde? Vermutlich wäre es das Beste. Dann müsste sie nicht mehr weglaufen. Sie würden sie bestrafen, wie sie es verdient hatte. Sie war schuld. Nein du feige Gans, sie dürfen dich nicht erwischen, sie bringen dich um! Es war egal wie sehr sie sich grämte. Sie durfte nicht gefasst werden. Das würde niemandem helfen. Nein, sie musste es ertragen. Sie allein. Das war ihre Strafe. Und wenn es jemand herausfand, wenn jemand merkte, dass ihr Computer verwendet worden war? Vielleicht würde sie irgendeinen Computertechniker mit ins Verderben reißen. Nein, niemals! Sie durfte nie wieder jemanden gefährden! Sie musste sicherstellen, dass keine Spuren zurückblieben! Sie musste einfach!
Diese ganze Sache schien sie mehr mitzunehmen als sie bereit war sich einzugestehen. Dr. Sand hatte ihr klar gemacht, daß sie wirklich mit ihr reden sollte, und dass Schlaftabletten nicht auf Bäumen wuchsen. Und nicht nur sie. Dr. Faust hatte sie letztens beiseite genommen und gefragt ob alles in Ordnung war. Was war nur los? Ja, sie hatte abgenommen, sie hatte einfach keinen Hunger, oder wenn sie Hunger hatte, hatte sie einfach keine Motivation sich etwas zu machen. Manchmal stand sie einfach in der Küche und konnte sich nicht dazu bringen sich etwas zuzubereiten. Dabei war es ganz einfach. Etwas Wasser in einen Topf, Tüteninhalt hinein, aufkochen, fertig. Aber es ging einfach nicht, sie hatte einfach keine Lust. Du schaffst nicht mal dir etwas zu essen zu machen. Wie willst du dann verhindern dass sie dich schnappen? Ihre Gedanken rasten ständig im Kreis und ließen ihr keine Ruhe. Wenn sie auf dem Sofa saß und fernsehen wollte, bekam sie kaum etwas mit. Sie hatte sich anfangs geärgert daß sie dem Verlauf ihrer Lieblingsserie nicht mehr folgen konnte, aber inzwischen war ihr auch das egal. Sie fand es ein bisschen schade, aber das war alles. Sie saß manchmal einfach nur da, und wechselte nicht mal das Programm, und wusste später nicht was überhaupt gekommen war. Du kannst nicht mal richtig fernsehen, du dumme Gans! Nicht mal das. Geschweige denn sich erfolgreich verstecken. Sie würden sie bestimmt finden. Irgendwer würde sie irgendwie finden. Und dann würde man sie töten. Was sollte das alles dann noch? Wäre es nicht besser, wenn… wenn sie…
Ihre Schlaftabletten waren schon wieder leer. Sie brauchte mittlerweile die Höchstdosis um durchzuschlafen. Und sie hasste es. Sie hasste es zu schlafen, das brachte nur den nächsten Morgen näher. Und sie hasste es wach zu sein, denn dann wurde sie wohin sie auch ging von ihren finsteren Gedanken geplagt. Sie hasste es zur Arbeit zu gehen, und sie hasste es, zuhause zu bleiben. Sie hasste ihre Kollegen die anfingen sie mitleidig anzusehen, weil sie aussah wie ein Gespenst. Sie hasste ihr Spiegelbild, sie hasste wie sie ein wenig abgenommen hatte, weil sie zuhause nicht mehr regelmäßig aß. Sie hasste wie ihr Haar stumpf und stränig geworden war. Sie hasste das Gesicht der Frau die ihr Leben zerstört hatte. Sie hasste Dr. Sand, und ihren Blick mit dem sie sie auf Schuld zu röntgen schien. Aber sie musste wieder zu ihr. Sie hatte die letzten zwei Nächte überhaupt nicht geschlafen und brauchte die Tabletten, ohne ging es nicht. Sie hasste die Tür die sie von Dr. Sands Büro trennte, in das sie gleich eintreten würde.
Ob sie nicht vielleicht doch mit Sand reden sollte? Sie war Psychologin. Jemand der jahrelang studiert hatte, um anderen Menschen zu helfen. Und sie brauchte Hilfe. Jeden Morgen, wenn sie in ihr verwahrlostes Gesicht blickte schwang in ihrem Abscheu etwas Mitleid mit. Sie wusste genug über die Psyche um zu erkennen, dass sie Hilfe brauchte. Aber Sand war nicht an die ärztliche Schweigepflicht gebunden, die Schweigepflicht bei der Foundation war nicht absolut. (Anm.: wird noch geklärt) Würde sie Sand wirklich verschweigen können was los war?
Nein, sag nichts! Sag niemandem etwas! Du musst das allein schaffen!
Es ging immerhin schnell. Sie war sich zwischendurch nicht mal sicher ob sie gerade gezittert hatte, so nervös war sie. Als sie das Büro verlies hatte sie schweißnasse Hände, aber wenigstens hielt sie darin eine Packung Schlaftabletten, diesmal Stärkere. Wie immer hatte Sand sie gebeten einen Beratungstermin zu vereinbaren, sie aber in Ruhe gelassen und keine Fragen gestellt. Verdammt nochmal, sie wusste wie wichtig es war, sich Sand anzuvertrauen. Gerade jetzt in ihrer Situation. Sie wollte ja. Sie würde so gerne einfach alles erzählen. Diese Wolke an finsteren Gedanken einfach aus sich herausreden. Aber sie durfte nicht. Und Sand hatte sicher auch wichtigere Fälle als eine dumme Hure Kuh die mehrere Menschen auf dem Gewissen hatte. Sie hatte es auch gar nicht verdient das man ihr helfen würde. Sie musste selber damit klarkommen. Sand würde ihr wieder und wieder Schlaftabletten geben, und sie würde es einfach aushalten.
Abschnitt 5 (Johan)
Sarah Loewen. Ha! Da war sie. "QueenOfTheJungle". Das manche Leute auf Sozialen Medien immer Wortwitze mit ihren richtigen Namen machen mussten… Andererseits war er mit seinem Gordon-Freeman Avatar auch nicht unschuldig was das anging. Ihr Profil an sich enthielt keine Informationen oder Bilder die er nicht schon kannte. Er jagte ihren Nickname in verschiedenen Kombinationen und in Kombination mit ihren Avataren und anderen persönlichen Informationen wie Geburtsdatum und -ort, Orten an denen sie gewohnt hatte und so weiter, durch mehrere Suchmaschinen, zwei davon im Tor-Netzwerk, und fand mehrere Forenprofile die sie schon ewig nicht mehr benutzt hatte und einen Zeitungsartikel aus den 2000ern bezüglich irgendeines Schulprojektes an dem sie mitgewirkt hatte. Es war enttäuschend, wenn Leute die so unbedarft mit Informationen umgingen nichts Interessantes ins Internet stellten. Bis auf ein paar unwichtige persönliche Daten und einige unbrauchbare Fotos von ihr gab es offenbar nichts zu finden. Den Nickname benutzte sie - neben ihrem Klarnamen und dem Uralt-Nickname "MightyRoar", unter dem er nur peinliche Posts in Foren über Mädchenkram gefunden hatte - überall. Wobei, eine Sache hatte er noch nicht durchsucht. Er ging eine ganze Litanei von Datingseiten durch. Erstellte sich Fake-Profile, bezahlte auf einer sogar 5 € um die Suchfunktion benutzen zu können. Aber nichts. Entweder sie benutzte hier einen anderen Namen, oder sie benutzte keine Datingseiten. Er war enttäuscht und fühlte sich wie ein Idiot. Er war immer noch versessen auf sie, aber die Suche nach Daten die seine Sehnsucht lindern könnten hatte ihn für ein paar Tage abgelenkt. Er begegnete ihr zwar ab und an im Gang, aber sie sah in letzter Zeit zerstreut aus und wirkte völlig gestresst. Seit seinem peinlichen Fauxpas in der Kantine hatten sie kein Wort mehr gewechselt. Sie hatte ihn nicht mal eines Blickes gewürdigt. So würde er ihr nicht näherkommen. Er hatte zwar eine blühende Fantasie, und für eine Weile hatte die Sarah in seinem Kopf gereicht um seine Lust zu befriedigen, aber sein Interesse an der echten Sarah wuchs wieder. Anstatt hier zu hocken wie ein gruseliger Nerd solltest du sie einfach fragen du Depp! Aber er war so schüchtern… Natürlich wäre es schöner, wenn er sie einfach würde fragen können. Das wollte er wirklich. Aber sie wirkte so durch den Wind, und was, wenn sie ihn einfach nicht leiden konnte? Was wenn er nach der Aktion in der Kantine bei ihr verschissen hatte? Er musste erst mehr über sie herausfinden, und sich dabei überlegen, wie er sie ansprechen würde.
Da sie online kaum Spuren hinterließ, auf sozialen Medien nur selten überhaupt etwas postete, und wenn waren es meist Handyfotos der Flora und Fauna der Schweizer Alpen, begann er ihr unauffällig nachzusteigen. Der Standort war zwar nicht groß, aber wenn er darüber nachdachte, stellte er fest, dass 38-Rena fast überall Zugang hatte, und Trainings-, Kurs- und Sozialräume über den ganzen Standort verteilt waren, es also niemanden wundern würde, wenn er auf den Gängen herumschlich. Sein Trainingsplan war ohnehin momentan etwas dünn, weil Singh auf einem Lehrgang war. Ja, und wenn ihn jemand ansprechen würde, warum er Loewen folgte, oder sich sonst wie komisch verhielt, würde er einfach sagen er übe es, Zielpersonen zu beschatten, und täte das der Einfachheit halber mit unwissenden Kollegen. Das würde ihm Stirnrunzeln einbringen, aber niemand würde denken, dass er hinter ihr her war. Tatsächlich hatte er recht schnell heraus welche Routen sie nahm, welchen Tagesablauf sie hatte, wo ihr Büro war, und dass sie nicht abschloss, wenn sie in die Pause ging.
Sie hatte auch dieses Mal nicht abgeschlossen. Er wusste, dass sie mindestens 20 Minuten nicht da sein würde, eher eine halbe Stunde… Was für ein blöder Gedanke, er würde doch nicht in ihr Büro eindringen… Oder doch? Was wenn er erwischt würde? Der Gang wurde selten benutzt und lag in einer abgelegenen Ecke des Sektors. Auf dem Bodenbelag hörte man alle Schritte. Kameraüberwachung war gerade hier auch nicht. Er dachte nicht wirklich nach. Adrenalin schoss in sein Blut, und sein Gehirn schaltete auf Autopilot als er sich ihrem Büro näherte und durch die Tür schlüpfte wie ein geisteskranker Stalker. Toll, was jetzt? Du Vollidiot, was willst du hier? Meinst du hier ist irgendetwas dass du gebrauchen kannst um dich aufzugeilen? Er hatte keine Ahnung was das jetzt für eine Schnappsidee gewesen war. Dennoch sah er sich um. Das Büro war nicht größer als das Kabuff in dem er lebte. Warum sie ein eigenes Büro hatte war ihm nicht ganz klar, sie hatte hier einen Schreibtisch mit Computer, einen Aktenschrank der halb offen stand, in dem nur einige Ordner waren, und auf dem ein Drucker stand, eine Topfpflanze auf dem Boden und einen Kleiderständer hinter der Tür, an dem ihre Jacke hing. Ihre Handtasche musste sie mitgenommen haben.
Ihren Computer hatte sie gesperrt; ein Klick auf den Login-Button öffnete wie erwartet ein Fenster zur Passworteingabe. Die Sicherheitseinstellungen von Foundation-PCs waren so hoch, dass er ihren PC niemals würde knacken können, auch nicht mit Hackingsoftware. Sein Blick fiel auf die Jacke am Kleiderständer hinter der Tür. Jetzt fiel ihm auch auf, dass sie genau diese Jacke nur selten trug, und dass es etwas gruselig war, dass er das wusste. Ohne zu wissen was er suchte, tastete er die Jacke ab und… fand einen zerknüllten Zettel in der Tasche. Er warf einen kurzen Blick darauf, die Schrift in mehreren Farben erweckte sein Interesse und er steckte ihn ein. Er sah sich noch etwas um, aber er fand auf den ersten Blick nichts was seine Aufmerksamkeit erregt und er bekam kalte Füße. Er lauschte auf den Flur, doch es war still. Er verließ das Büro und ging auf direktem Weg zu seinem Zimmer um den Brief in Augenschein zu nehmen. Loewen würde denken ihn irgendwo verloren zu haben, wenn sie seinen Verlust bemerkte.
Was zum Geier… A. L. P.? Das hatte er doch schon mal irgendwo gelesen. Diese Namen. Wer hieß denn bitte "Xaviera"? Und "Leuin"? War das ein Nickname? Er schaltete seinen PC ein und jagte den Namen durch ein paar Suchmaschinen, fand aber nichts das auf sie hinwies. Was sollte das mit "auffliegen"? Er startete seinen PC neu, startete das geschützte Terminal-Betriebssystem der Foundation und loggte ich in der Datenbank ein.
A. L. P… Jackpot! A. L. P. oder einfach nur ALP war ein Kürzel das mit Are We Cool Yet in Verbindung gebracht wurde, vermutlich ein wichtiges Mitglied! War Loewen eine verdeckte Agentin?! Man wusste über A. L. P., nur dass er oder sie irgendwo in der Region um das Dreiländereck am Bodensee eine Basis haben musste, aber schon an vielen Orten Spuren entdeckt wurden. Er grinste so hart das sein Gesicht weh tat, als ihn die Erkenntnis ereilte und aller Ausdruck aus seinem Gesicht wich. Sarah Loewen hatte die Anomalie, die vor Wochen den Standort getroffen hatte, eingeschleust. Hatte sie sie auch selbst geschaffen? Oder war sie nur ein Helferlein? Er musste mehr herausfinden. Sie war so oder so eine Verräterin! Plante sie etwas Neues? Oder sollte er sie gleich melden? Nein! Keinesfalls! Man würde nur Fragen stellen, er brauchte erst mehr Informationen und einen Plan wie er sie drankriegen würde! Dann würde er Singh endlich beweisen können, dass er kein Loser war der einfach nur gut schoss! Aber… dann würde er Loewen nicht bekommen…
Er lag auf seinem Bett, starrte auf die Delle an der Decke und grübelte. Was wollte er lieber? Sarah Loewen oder Anerkennung? Wenn er sie auffliegen ließ würde man sie amnesizieren und woanders hin versetzen. Oder sie an Ort und Stelle erschießen und ihren Körper verbrennen. Wenn er sie verschonte ging er ebenfalls leer aus, außer… außer er würde sie zwingen. Wenn er sie konfrontieren würde, hätte er sie in der Hand. Allerdings wüsste sie dann, dass er es wusste. Was wenn sie eine Anomalie losließ? Oder einfach floh? Er konnte auch nicht beweisen woher der Brief stammte, er hatte ihn angegrabbelt, da waren jetzt überall seine Fingerabdrücke drauf. Wie er es auch drehte und wendete, er brauchte mehr Informationen. Er musste nochmal in ihr Büro und weitersuchen. Vielleicht kam er irgendwie in ihren PC, vielleicht schrieb sie das Passwort irgendwo auf. Die Arbeits-PCs der Foundation hatten ein modifiziertes Windows 10 Betriebssystem, nur sein Privat-PC brauchte das Terminal-Betriebssystem, um auf privaten Systemen die nötige Sicherheit für Intranet-Zugriffe zu schaffen. Es war ein Leichtes, die Browserhistory und gespeicherte Passwörter abzugreifen, wenn er sich einloggen könnte. Noch besser wäre natürlich Zugriff auf ihr Handy und ihren privaten Laptop. Dass sie so dumm war, von einem PC der Foundation aus Schindluder zu treiben hielt er nun in der Tat für unwahrscheinlich. Aber vielleicht würde er in ihrem Browser gespeicherte Passwörter ausspähen können, und Zusammenhänge erkennen mit denen er sich in ihre privaten Geräte einloggen konnte. Sie machte nicht den Eindruck als kenne sie sich sonderlich damit aus, und die Foundation erlaubte für Arbeitsplätze wie ihren die private Internetnutzung. Plötzlich fühlte er sich überhaupt nicht mehr wie ein widerlicher Stalker, seine professionelle Ader war erweckt. Er war ein Agent der Foundation und er hatte eine Ausbildung in verdeckter Informationsbeschaffung. Er wusste noch nicht was er machen würde, wenn er genug Informationen hatte, er wusste nur dass er nachforschen würde. Er wusste, dass dies nun sein Fall war. Was er mit der Information, dass sie eine Verräterin war, machen würde, das würde er dann sehen.
Es war nicht so, dass in Singhs Abwesenheit kein Training mehr auf dem Programm stand. Aber es kümmerte sich niemand so recht um ihre sonstigen Aufgaben. Die Waffenkammer der MTF, in der auch anderen Ausrüstung gelagert war, war ein völliges Chaos. Wenn hier ein paar Gegenstände kurz verschwinden würden, würde das niemand bemerken, weshalb Johan bedenkenlos eine Mikrokamera hatte mitgehen lassen, die er in Loewens Büro verstecken, und das Passwort zu ihrem Computer ausspähen würde. Er musste trotz allem ihre Pausen abwarten, die elektronischen Dietriche der Foundation funktionierten ohne Sicherheitsfreigabe nicht bei Schlössern der Foundation. Als er diesmal in ihr Büro eindrang, fühlte er nicht mehr den Reiz des Verbotenen. Er fühlte sich im Recht. Wie erwartet war der Computer gesperrt und ansonsten fiel ihm nichts Interessantes auf das zu untersuchen sich gelohnt hätte. Er versteckte die Kamera in einem Lüftungsgitter an ihrem Drucker, von wo aus man, seiner Vermutung nach, die Tastatur sehen könnte. Um nicht von den automatischen Überwachungssystemen erwischt zu werden, schaltete er die Kamera auf Aufzeichnen und stellte die kabellosen Funktionen ab.
Als er tags darauf die Kamera barg war er über alle Maßen gespannt. Nicht nur auf das Passwort, sondern auch um sie einfach zu sehen, und ungestört beobachten zu können. Diese Mikrokameras waren an sich nichts Besonderes. Er konnte ohne Spezialsoftware per USB auf ihren Speicher zugreifen, kopierte alle Daten und löschte sie anschließend per Löschsoftware von der Kamera, so dass sie nicht ohne Aufwand wiederherzustellen sein würden. Er begann das Material zu sichten und tatsächlich kam Loewen nach einer Weile zurück und er konnte ihr Passwort erspähen, würde allerdings die Bilder von diesem Tag ebenfalls ansehen, um sicher zu gehen. Ansonsten gab es nicht viel zu sehen. Loewen streckte sich ein paar Mal, kratzte sich, schnäuzte sich die Nase und arbeitete sonst ohne Besonderheiten am PC. Er würde also am nächsten Tag noch einmal in ihr Büro eindringen und ihren PC schnell auf Spuren und Hinweise untersuchen, und sie dann erst einmal in Ruhe lassen. Je öfter er sich dort herumdrückte, desto größer wurde die Gefahr, erwischt zu werden.
Es war eigentlich schon Routine auch heute in Sarah Loewens Büro einzubrechen. Er setzte sich auf den noch warmen Stuhl - er war direkt als sie außer Sicht war in ihr Büro gegangen, um möglichst viel Zeit zu haben - und loggte sich erfolgreich mit dem ausgespähten Passwort ein. Sie arbeitete offenbar an einer Ausarbeitung über irgendetwas mit der Beziehung zwischen dem Anomalen und vorchristlichen Kulturen in Mitteleuropa. Völlig langweilig. Aber ihr Browser war offen und er sah als erstes ihre gespeicherten Passwörter ein, und entgegen seiner Erwartung benutzte sie, wie von der Foundation empfohlen, unterschiedliche Passwörter für jede Seite, die allesamt auf der Webadresse basierten, aber in ihrer Syntax nicht zu erraten wären. Er machte ein Foto der Passwortübersicht, um sich später überall dort einzuloggen um nach Spuren zu suchen, und durchsuchte den Browserverlauf, fand hier allerdings keine Besonderheiten, wenn man von einer Vielzahl von Blogs und Webseiten die sich scheinbar um kulturelle Themen aller Art drehten absah. Ihr Internetverhalten war ansonsten unspektakulär. Er durchsuchte noch die temporären Dateien und die Ereignisanzeige, und ihm fiel auf, dass der FCleaner der Foundation an mehreren Tagen hintereinander eine vollständige Bereinigung ihres Systems durchgeführt, und ordnungsgemäß protokolliert hatte. Sie hatte wohl etwas verschwinden lassen wollen und war dabei sehr gründlich gewesen. Er sah sich die Protokolle an, aber sie gaben keine Rückschlüsse darauf, was genau für Dateien gelöscht worden waren. Hatte sie hier vielleicht Instruktionen zum Auslösen der Anomalie erhalten? Wenn die Anomalie hier ihren Ursprung hatte, war es kein Wunder, dass sie es nicht herausgeschafft hatte. Es war ein langer Weg bis zum Ausgang, dafür brauchte man 10-15 Minuten, je nachdem wie schnell man ging. Seine Uhr piepte. Zeit zu verschwinden. Er machte ein Foto, schloss das Fenster der Systemverwaltung und sperrte den Computer, lauschte dann auf den Flur und verschwand aus ihrem Büro. Als er sich auf den Weg in sein Zimmer machte, fühlte er sich gleich einen Kopf größer als sonst. Der Brief, zusammen mit der mehrfachen Ausführung des Bereinigungsprogramms bewiesen für ihn ganz klar, dass sie Dreck am Stecken hatte. Irgendetwas musste bei der Auslösung der Anomalie schiefgegangen sein, sonst hätte sie es gewiss herausgeschafft.
Dass sie das Programm mehrfach ausgeführt hatte, ließ darauf schließen, dass sie keine fortgeschrittenen Computerkenntnisse besaß, dafür jedoch ein schlechtes Gewissen. Dass er sich damit auskannte lag auch nicht an seiner Ausbildung, sie waren schließlich nicht für den Einsatz gegen Foundationmitarbeiter geschult, sondern an seinen Beobachtungen und Erfahrungen mit Computern der Foundation. Allerdings würde all das noch lange nicht ausreichen. Er brauchte etwas Handfestes, keine Indizien. In seinem Zimmer angekommen wollte er sich gerade in ihre sozialen Medien einloggen, als ihm einfiel, dass viele dieser Seiten Einloggversuche von unbekannten Geräten per Mail meldeten. Wenn sie aufmerksam war, würde sie spätestens dann Lunte riechen. Und wenn sie weitere Anomalien besaß? Sie könnte vielleicht einen weiteren in Planung befindlichen Anschlag vorziehen. Diesmal mit mehr Toten und mehr Zerstörung. Nein, das durfte er nicht zulassen. Allen seinen Problemen zum Trotz war er ein Mitglied der Foundation aus Überzeugung. Er musste anders an diese Daten gelangen.
Er machte kurz vor ihr Feierabend und wartete in seinem Auto bis sie auf den Parkplatz kam um nach Hause zu fahren. Er folgte ihr in einigem Abstand, und als sie ihr Auto abstellte und in eines der Häuser ging, blieb er sitzen um zu beobachten. Kurz nachdem sie das Haus betreten hatte, ging in der obersten Wohnung das Licht an. Er stieg aus und ging zur Tür. "Loewen" stand ganz oben. Damit jemand der ihn zufällig beobachtete sich nichts dabei dachte, tat er so als würde er eine Klingel betätigen und sah sich um während er so tat als würde er warten. Das Haus war dreistöckig mit einem Hochparterre. Auf dieser Seite der Straße standen mehrere Häuser dieser Art, auf der anderen Seite jedoch Einfamilienhäuser, man würde sich also nichts dabei denken, wenn hier jemand Unbekanntes ein Haus betrat, und wie der typische Einbrecher sah er nun nicht aus.
Er hatte sich zum nächst möglichem Zeitpunkt drei Tage frei genommen, um möglichst viel Zeit zu haben um sich umzusehen. Er war furchtbar aufgeregt als er in die Stadt fuhr und unweit von Loewens Haus parkte. Er hatte sich in Kriminalstatistiken über Einbrüche informiert und sich entschlossen, es gegen Zehn zu versuchen. Aus der Waffenkammer hatte er diesmal einen automatischen Dietrich mitgenommen. Dieser öffnete alle gängigen Schlosstypen innerhalb von drei Sekunden und war nicht größer als ein Schraubendreher. Er hatte zwar schon mehrmals Wohnungen in Übungen aufgebrochen und durchsucht, und wusste wie man sich unauffällig bewegte, aber diesmal bestand die tatsächliche Chance erwischt zu werden. Und er war unbewaffnet. Er wusste, würde ihn jemand überraschen würde sein Training sofort einen tödlichen Schuss setzen bevor ihm klar wäre was passierte. Unbewaffnet würde er die Person nur außer Gefecht setzen und das Weite suchen.
Der automatische Dietrich öffnete die Haustür quasi sofort. Er schlüpfte durch die Tür und ging schnell und leise die Treppe hinauf. Ihm fiel auf, dass der obere Treppenabsatz der zu Loewens Wohnung führte schon seit einer Weile nicht gereinigt worden war. Es war nicht schmutzig, aber auch nicht sauber. Loewens Wohnungstür hatte wie die anderen Wohnungen ein Sicherheitsschloss, was sich aber auch mit Leichtigkeit öffnen ließ. Bevor er die Tür ganz öffnete, zog er sich Gummihandschuhe über und drückte sie nur einen Spalt weit auf, um mit einem kleinen Spiegel durch den Türspalt zu schauen, um Fallen, Kameras und Bewegungsmelder zu erspähen. Er sah aber nur einen unordentlichen Flur in dem mindestens so lange nicht gesaugt worden war, wie hier draußen. Bereit, beim ersten Anzeichen einer Falle davon zu laufen, öffnete er langsam die Tür ganz, doch Loewen schien nicht für einen Einbruch vorgesorgt zu haben. Oder sie hat einen stillen Alarm und gleich taucht hier die Polizei auf. Ach was. Unsinn. Stille Alarme verhinderten keine Einbrüche, und die Polizei im Ort war völlig unterbesetzt. Die würden erst auf Verstärkung warten, und mit einzelnen Polizisten wurde er ohnehin fertig.
Drinnen bot sich ihm ein Bild mit dem er nicht gerechnet hatte. Er hatte Loewen für eine ordentliche Person gehalten, und die Art wie der schmale Flur eingerichtet war zeugte von Geschmack. Aber während er die Tür schloss bot sich ihm ein Bild als habe sie sich ziemlich gehen lassen. Auf der weiß lasierten Kommode im Landhausstil lag ein BH, aufgerissene Briefumschläge von einer Bank und einer Versicherung, ein Schlüsselbund mit lauter kleineren Schlüsseln, vermutlich für den Keller und dergleichen, und Kleinkram, Schuhe standen vor dem unauffälligen Schuhregal und ein Schal war offenbar vom Kleiderhaken gerutscht und nicht aufgehoben worden. Er beschloss, als erstes die Wohnung zu durchsuchen, bevor er sich um ihre Elektronik kümmern würde. Loewens Dachgeschosswohnung lag mitten im Dach. Die Dachschrägen gingen bis zum Boden, allerdings hatten sie dennoch überall noch ein Stück gerade Decke.
Die Küche rechts neben der Wohnungstür bestand aus einer einfachen Einbauküche mit dunkelroten Fronten und einer anthrazitfarbenen Platte, die wohl zur Wohnung gehörte, denn die Küchenzeile und Hängeschränke passten zur Dachschräge. Ihr Einbauherd, der freistehende Kühlschrank und die andere Einrichtung die offenbar nicht zur Wohnung gehörte, war deutlich hochwertiger und modern. Jedoch fand er hier ebenfalls ein chaotisches Bild. Ein Einkaufskorb quoll vor Pfandflaschen über, eine leere Packung von Instant-Nudeln lag auf dem Küchentresen, und ihr Restmülleimer musst dringend raus, und roch bereits. Neben der Spüle stand diverse schmutziges Geschirr, jedoch bewies das volle Abtropfgestell, dass sie durchaus abspülte, nur nicht besonders oft. Er schaute in alle Schränke und unter die Schubladeneinlagen, prüfte ob sich Sockelleisten der Möbel abnehmen ließen und schaute mit einem Spiegel auf, unter und hinter die Möbel.
Im Bad gegenüber der Küche bot sich ein ähnliches Bild. Die Sachen die augenscheinlich von ihr waren, waren stilvoll, auch wenn sie sich mit dem Bad, das scheinbar in den 90erm gebaut wurde, bissen. In der Badewanne stand ein Putzeimer, Unterwäsche und ein T-Shirt lagen in einer Ecke, und ein Handtuch, dass auf den Handtuchhalter geknüllt war, statt es aufzuhängen trübten das Bild. Im Badschrank fand er neben Dingen die er im Badschrank einer Frau erwartete auch mehrere Packungen starker Schlaftabletten, eine war noch fast voll, die anderen waren leer. Ihr Schlafzimmer, eine Tür weiter, roch etwas nach Wäsche die mal gewaschen werden sollte, was an dem vollen Wäschekorb hinter der Tür liegen konnte. Es war nicht besonders breit, und der große Kleiderschrank nahm recht viel Platz weg. Das große Doppelbett stand mit einer Seite an der Wand, anders hätte es nicht in den Raum gepasst. Ohne die Dachgaube, die den Raum an der "Einstiegsseite" ihres Bettes vergrößerte, könnte man vermutlich nur vom Fußende aus ins Bett kriechen. In ihrem Kleiderschrank fand er außer einem Schuhkarton mit Dingen, die eine Frau lieber geheim hielt, und der aussah als wäre er schon eine Weile nicht mehr geöffnet worden, und einer erstaunlichen Menge weißer Blusen nichts Ungewöhnliches.
Wie der Rest der Wohnung war ihr Wohnzimmer stilvoll und modern eingerichtet, mit blassgrün und weiß lackiertem Fernsehschrank, cremefarbenem Sofa mit grünen Kissen und einem weißen Couchtisch, und weißen Regalen an den Wänden, mit allerlei Dekoration und kleinen Zimmerpflanzen. Wäre die Wohnung aufgeräumt und gesaugt beziehungsweise gewischt, wäre es eine schöne, stille Wohnung, aber auch hier herrschte Chaos. Er nahm an, dass sie an irgendeinem Punkt angefangen hatte, Wäsche im Wohnzimmer zu verteilen, anstatt sie oben auf den Berg auf ihrem Wäschekorb zu legen. Wieviel Kleidung diese Frau haben musste… Jedenfalls standen hier zwei leere Teebecher, ein Fernseher und ein Laptop. Da weder Regale, Fernsehschrank noch der Raum unter dem Sofa keine Besonderheiten enthielten, ging er davon aus, dass sie vor allem das Internet für ihre Aktivitäten nutzte. Er war ein bisschen enttäuscht darüber, dass der Schuhkarton in ihrem Schrank bisher das Interessanteste gewesen war, dass er er nichts Interessantes gefunden hatte, und so machte er ein Foto von dem Zustand wie er ihren Laptop vorgefunden hatte, falls sie ihn immer gleich abstelle. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung hatte er sich stets gemerkt wie er was vorgefunden hatte, aber er würde hier jetzt mehrere Stunden verbringen, und wollte dennoch alles so hinterlassen wie es zuvor war. Er nahm den Laptop, setzte sich damit aufs Sofa, klappte ihn leicht auf, und sah unter den Deckel, doch die Kamera hatte sie bereits abgeklebt. Also öffnete er ihn ganz und schaltete ihn ein.
Sie benutzte zu seinem Erstaunen noch Windows 8.1 und hatte kein Passwort festgelegt. Es war schon sehr praktisch, Zugang zu den Beweismittelsicherungstools der Foundation zu haben. Er nahm an, dass der unbeschränkte Zugang, der Mitarbeitern mit der entsprechenden Freigabe gewährt wurde, nicht ohne Hintergedanken war. Vermutlich nutzten auch andere die Software privat, wodurch sie geübter wurden, und die Foundation tat so als wüsste sie nichts davon. Ihm fiel bei dem Gedanken auf, dass, wenn man erstmal Zugang zu Mitteln der Foundation hatte, es relativ leicht war, sie "auszuleihen". Er wollte gar nicht wissen was mit diesen Mitteln für Schindluder getrieben wurde. Die Rechte von Individuen, insbesondere außerhalb der Foundation, interessierten die Foundation nicht wirklich. Er steckte den USB-Stick in den Laptop, führte das Super Copy Program aus welches auf dem Stick vorinstalliert war, und hasste die Foundation dafür, ständig diese bescheuerten Witze mit ihrem Kürzel zu machen. Er ließ das Tool die Festplatte scannen und den AppData-Ordner, die Registry und alle Bild- und Textdateien kopieren. Während das Programm zu kopieren begann, scannte es gleichzeitig den Computer nach bekannten Signaturen digitaler Anomalien und verdächtigen Spuren. Die vorläufige Anzeige der Ergebnisse war merkwürdig. Sie benutzte nur einen Adblocker und kein Browseraddon gegen Trackingcookies oder besonders starke Sicherheitseinstellungen, gleichzeitig hatte sie aber den Tor-Browser installiert, und vor einigen Monaten oft benutzt. Er schmunzelte bei dem Gedanken, dass die Foundation vermutlich mehr Tor-Nodes betrieb als die CIA. Das Tool befand, dass der Tor-Browser besonders sicher eingestellt worden war. Das war seltsam. Jemand der nicht mal seinen normalen Browser auch nur halbwegs sicher einstellte, und relativ einfache und kurze Passwörter verwendete, war in der Lage ein Tool wie den Tor-Browser sicher einzustellen? Hm, offenbar nicht, dieselbe Person hatte Favoriten im Tor-Browser angelegt. Und das Tool schlug Alarm: Zwei der Adressen wurden mit AWCY in Verbindung gebracht. Also doch! Damit hatte er einen stichhaltigen Beweis! Das Tool auf dem USB-Stick signierte alle Funde. Er wusste nicht ob sie fälschbar waren; wenn, dann jedenfalls nicht von jemandem wie ihm. Doch die Neugier packte ihn. Was waren das für Seiten? Er dachte nach. Wenn es Seiten von AWCY waren, würden sie sofort merken, wenn sich jemand mit Loewens Account einloggte. Andererseits waren sie als Individualisten bekannt. Würden sie sich gegenseitig überwachen? Besser, er suchte erst nach anderen Spuren bevor er das ausprobierte. Das Tool war durchgelaufen und hatte keine weiteren Hinweise gefunden.
Er startete Chrome und prüfte ihren Internetverlauf. Er fand viel über Kulturkram, der ihn überhaupt nicht interessierte, und soziale Medien. Eine Seite mit illegalen Streams auf denen sie einige aktuelle Kinofilme angeschaut hatte, eine Hentai-Seite, auf der sie aber nicht viele Seiten aufgerufen hatte, und eine ganze Reihe uninteressanter Google-Suchen und Wikipediaeinträge. Der Internetverlauf war erst vor drei Tagen gelöscht worden. Ihre Favoriten waren nicht weniger unergiebig, aber immerhin hatte sie die Zugangsdaten aller ihrer sozialen Medien im Browser gespeichert.
Johan atmete tief durch. Sich in ihren sozialen Medien einzuloggen war riskant. Er selbst mochte die meisten großen Anbieter nicht, und nutzte sie dementsprechend auch kaum, weshalb er nicht wusste, wie er schnell ausblenden könnte, dass er online wäre. Andererseits hatte er Zeit. Er konnte sich die Seiten auch zunächst in seinem Quartier zu Gemüte führen und das nachschauen. Er sah sich weiter um. Sie hatte Discord installiert, das nutzte er selber und kannte sich damit aus. Solange da nirgendwo ein Bot war, der sie sofort online meldete, oder übereifrige Nutzer die ihn entdecken und ansprechen würden, war das kein Problem.
Das Herz schlug ihm bis in den Hals als er Discord öffnete. Doch sie war ohnehin auf 'Unsichtbar' gestellt. Sie hatte ein paar neue Privatnachrichten und diverse Pings und neue Nachrichten auf verschiedenen Servern. Er ging die Serverliste durch. Drei Server über kulturelles Zeug, einer über Archäologie, ein Kulturwissenschaftlertreff, ein Künstlerserver, ein Creepypasta-Server und noch einige andere, die ihn so wenig interessierten, daß er nicht einmal wahrnahm worum es dabei ging. Und zwei private Server, von dem sie einen wohl als Notizbuch benutzte; dort fand er bergeweise Links über Kulturwissenschaften, Rezepte, Erotica und Hentai, nicht-vergessen-Notizen und dergleichen. Der andere war ein Server namens "ALPtraum", auf dem nur sie und ein gewisser 'Kaiser' waren, und in dem von mehreren Kanälen nur einer namens "Lounge" benutzt worden war. Die letzte Nachricht stammte von Loewen und war schon etwas her: "SEID IHR KOMPLETT BESCHEUERT? ES SIND MENSCHEN GESTORBEN!"
Johans ganze Aufmerksamkeit lag nun auf dem Chatverlauf. Das musste es sein. Dieser Kaiser musste jemand von AWCY sein! Und diese Nachricht? Hatte sie vielleicht mit dem Feuer gespielt und sich verbrannt, ohne den Zwischenfall wissentlich herbeigeführt zu haben. Andererseits war das egal. Sie war mit ihnen im Bunde, das war hiermit klar bewiesen. Er suchte nur Beweise. Er urteilte nicht.
Er scrollte schnell nach oben, zum Anfang des Chatverlaufs:
Johan war baff. Sarah Loewen schien tatsächlich kein richtiges Mitglied von AWCY zu sein, sondern mehr eine Art Mitläufer, der sich mit den falschen Leuten eingelassen hat. Und sie war nachlässig gewesen, genauso wie dieser Kaiser. Aber nichts desto trotz, sie hatte mit ihrer Nachlässigkeit den Zwischenfall ermöglicht. Sie trug die Verantwortung dafür. Und die Foundation würde sie damit nicht durchkommen lassen, wenn sie davon erführe. Andererseits war offensichtlich, dass sie unvorsichtig gewesen, und in eine Falle getappt war. Das war ihre Schuld, kein Zweifel, aber konnte sie etwas für den Zwischenfall?
Wenn du es denen sagst, bekommst du sie nie. Er musste nachdenken. Nachdenken was er nun tun sollte. Eine Weile saß er nur da und starrte geradeaus, bis ihm bewusst war, dass dies nicht der richtige Ort war um seine Gedanken zu ordnen. Er loggte sich aus, klappte den Laptop zu und platzierte ihn wieder so wie er ihn vorgefunden hatte. Für heute hatte er genug gesehen, und er könnte jederzeit wiederkommen, solange Singh auf Lehrgang war. Auf dem Weg nach draußen vergewisserte er sich, dass alles so war wie er es vorgefunden hatte. Er öffnete die Wohnungstür, verschloss sie mit dem automatischen Dietrich und lauschte ins Treppenhaus ehe er sich die Treppe hinunter stahl und zu seinem Auto ging. Auf dem Weg zurück zum Standort rasten seine Gedanken so sehr, dass er gar nicht wusste was er dachte.
Er eilte in sein Quartier. Es dauerte einen Moment bis er merkte, dass er nur dastand. Er legte seinen Rucksack ab und versteckte den USB-Stick und den Dietrich in seinem Schließfach. Dann goss er sich etwas Rum ein und setzte sich auf die Bettkante. Er trank viel in letzter Zeit. Es half ihm einzuschlafen, und Druck abzubauen um nachdenken zu können, auch wenn er wusste dass die Foundation bei Anzeichen von Alkoholmissbrauch manchmal überempfindlich war, und ein Test seiner Blut- und Leberwerte noch in diesem Jahr anstand. Er starrte in sein Glas wenn er nicht gerade daran nippte. Was sollte er nun tun? Er kannte das Vorgehen der Foundation bei Verrat nicht genug. Also das wirkliche Vorgehen. Erfahrenes Personal zu „terminieren” war Verschwendung von Ressourcen. Eigentlich wäre das untypisch für die Foundation, zumindest für diesen Standort. Oder würde man sie umfassend amnesizieren und mit eingepflanzten falschen Erinnerungen an einem anderen Standort einsetzen? Vielleicht unter einem anderen Namen? In beiden Fällen sähe er sie nie wieder. Oder würde die Foundation ihn amnesizieren und so tun als wäre nichts gewesen? Er konnte es einfach nicht abwägen. Im Standardregelwerk der Foundation stand explizit, dass Verrat der einen Schaden für die Foundation zur Folge hat, stets eine Terminierung zur Folge hat. Aber er wusste auch, dass die Foundation log und in den allermeisten Fällen kalt und pragmatisch handelte. Und auch dass kaum jemand wusste was an anderen Standorten vor sich ging, wenn man kein hohes Tier war. Er konnte sich nicht mal absolut sicher sein, dass er selbst der war für den er sich hielt, und er nicht für irgendein Vergehen amnesiziert und mit neuen Erinnerungen und neuem Namen hierher versetzt worden war.
Er hatte seinen Rum ausgetrunken und legte sich auf das Bett, um die Delle in der Decke anzustarren. Was wenn er sie einfach fragte was es mit dem Vorfall auf sich hatte? Er hatte alle Beweise, und es klang nicht so als wäre sie mit anomalen Fähigkeiten ausgestattet. Er würde sie einfach überwältigen können, würde sie versuchen zu fliehen. Ja, dass klang sinnvoll. Gleich morgen würde er nach ihrer Mittagspause in ihrem Büro auf sie warten und sie zur Rede stellen.






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